Wolltest du Yoga-Content für Instagram erstellen, so gehe niemals mit deiner Kamera in meine Yin-Yoga-Stunde. Außen: Guernicaesk verzerrte, fragmentiert wirkende Körper. Dazwischen eingesprengselt: müde Gesichter, manche sichtlich erschöpft. Innen: ein Schlachtfeld der Emotionen, Furor und Affekte. Hinter geschlossenen Augen: Gedankenkreisel, die die Tischkante suchen.
Einmal abgesehen von der Unversöhnlichkeit der Instagram-Hochglanzwelt mit der tiefen Versunkenheit des Yoga (dharana), hier könntest du gerade gar nichts mit deiner Kamera festhalten – hier, wo jeder so sehr mit Loslassen beschäftigt ist.
Übertreibe ich? Letzte Woche hatten wir für ein Tagesretreat Swami Tattvarupananda zu Gast, einen hinduistischen Mönch. Orangene Gewandung, orangene Mütze, orangene Socken, orangener Rucksack, orangene Handyhülle, pinke Hausschuhe.
Lautlose Schluchzer
„Yin Yoga?“, lacht er, als ich ihm erzähle, dass ich diesen Stil am liebsten unterrichte. „Ah! Yoga for lazy people!“, gluckst er in sich hinein wie ein Glücksbuddha. Sein Körper bebt. Ich lache mit. Mein esprit d’escalier, also meine viel zu späte Replik auf seine Einordnung, die mir erst auf dem mentalen Treppenabsatz einfällt: „No! Yoga for courageous people!“.
Da ist zum Beispiel H. Sie liegt im Liegenden Schmetterling, als ich ihr beruhigend beide Schultern sanft mit meinen Händen beschwere. Ihr Gesicht unter mir weich, dann verspannt es sich. Ein namen- und lautloses Schluchzen fließt zu ihren Haaren herab, schüttelt ihren Körper. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Bin kurz hilflos. Instinktiv flüstert mein Mund: „Du machst das super“. Na toll, nicht die besten Worte, die ich da gefunden habe. Aber wenigstens bestätigende.
Diese verdammten Hüftöffner
Nach der Stunde vertraut sie mir den Schrecken an, den sie in sich birgt: dass ihre Mutter letztes Jahr verstorben sei. Dass sie seither nicht zum Loslassen käme. Einzig beim Yin Yoga gelänge ihr, was ihr im Alltag unmöglich erscheint. „Das müssen diese Hüftöffner sein.“ Und dann sagt sie: „Ich freue mich montags schon auf Mittwoch und die Stunde mit dir.“
Mittwochs kommen sie dann, ihre Emotionen, kriechen hervor, finden den Raum leer vor, schauen sich feixend um, nicken sich zu und brechen sich Bahn. Nix look good, nix feel good. Aber H. ist bereit. Bereit, dem Chaos Ordnung abzutrotzen. Bereit, mit sich zu ringen, mit der Stille, der Leere, der Ödnis und dem Abgrund in ihr. Immer wieder verabredet sie sich zum gemeinsamen Alleinsein mit ihren Gedanken und ihren Emotionen. Immer mit Anlauf hinein in das, was hochkommt.
Deshalb: Yin yoga is for courageous people – denn häufig ist es: Feel-bad-Yoga. Liebe H., du machst das super.