Ein Mann möchte Wellenreiten lernen. Er kauft sich ein Surfbrett, geht damit zum Meer, stellt sich an den Strand und beobachtet die Wellen. Das geht eine ganze Weile so. Da kommt ein anderer Mann zu ihm: „Was machst du da?“ „Ich warte darauf, dass die Wellen abebben“, entgegnet der Erste. „Und dann?“ „Dann kann ich in den Ozean hineingehen und Wellenreiten lernen.“ „Die Wellen werden nicht stoppen“, sagt der Zweite. „Du musst in den Ozean hineingehen und von den Wellen selbst das Wellenreiten lernen, bis selbst die größten Wellen deine Freunde werden.“
Als uns Swami Tattvarupananda bei seinem Tagesretreat diese Geschichte erzählte, erinnerte ich mich an die Spruchkarte, die jedem 6-Minuten-Dankbarkeitstagebuch beiliegt und die mir am selben Morgen in die Hände gefallen war: „Du kannst die Wellen nicht stoppen. Aber du kannst lernen, sie zu surfen“ des „Stressbewältigungs-Professors“ Jon Kabat-Zinn.
Die Geschichte setzt noch einen drauf: Am Ende werden die größten Wellen, die größten Schwierigkeiten, die größte Aufruhr und Not, zu deinem Freund.
Sich einlassen aufs Leben, das Leben leben lassen, gewaltvoll umhergeschmissen werden, sich mit Trotz, Anlauf und Vertrauen immer wieder ganz hineinwerfen in die Wellen und irgendwann erleben, wie sie dich auf deinem Surfbrett hochkatapultieren! Welch großartiges Bild!
1350 schrieb Johannes Tauler über die „arebeit der nacht“ (das ist die dunkle Nacht der Gottes- und Selbstbegegnung, wie du sie vielleicht auch erlebt hast): Der Mensch „muss alles lassen, dieses Lassens selbst noch ledig werden und es lassen, es für Nichts halten und in sein lauteres Nichts fallen“.
Auch das ist Teil der Übung, denke ich, denn mit Verbissenheit und Sturheit wird mein kein guter Wellenreiter.
Gotthard Fuchs, Publizist und Priester, ordnet in Publik Forum dazu ein: „Ein unglaubliches Selbstvertrauen ist da im Spiel, dem es Raum zu geben gilt. Dieser göttlichen Lebensmacht Platz zu machen, ist die paradoxe, aber frappierend einfache Formel eines gelingenden Lebens. Das Geheimnis der Menschwerdung ist ein Dialog zweier Freiheiten: ‚Ein Abgrund ruft den anderen‘.“ Damit meine Tauler gerade nicht „den Abgrund der Leere, sondern der stets überraschenden Empfängnisfähigkeit für jenen Schöpfergeist, der Frieden und Freiheit schafft.“
Nur jene erfahren ihn, die bereit sind, Wellenreiten zu lernen.