Ein Mann lebt mit seiner Frau in einem Haus, die Kinder sind schon ausgezogen. Er verlässt morgens das Haus und geht die Brötchen verdienen, während seine Frau das Haus sauber hält, Besorgungen macht und kocht. Unser Mann aber ist unzufrieden und möchte jetzt sein Leben verändern und erfährt von einem Meditationskurs, der einem dabei verhelfen kann, seine Wünsche zu erfüllen und glücklich zu werden. „Wie funktioniert dein Kurs?“, fragt er den Anbieter. „Du erhältst von uns ein Mantra, sprichst dieses zehn Minuten morgens und abends 108mal. So verfährst du 41 Tage lang, denn 41 Tage ist die Zahl der Tage, in denen der Mensch sich eine Gewohnheit aneignet. „Und wie viel soll der Kurs kosten?“ „108 Dollar.“
Der Mann zahlt den genannten Preis und macht sich morgens und abends ans Meditieren. Das bleibt von seiner Frau nicht unbemerkt: „Was machst du da?“ „Ich meditiere, damit meine Wünsche wahr werden.“ „Nur rumsitzen tust du. Und überhaupt, was hast du bezahlt?“ „108 Dollar.“ „108 Dollar? Fürs rumsitzen? Während ich den Haushalt schmeiße? Das Geld wird mir fehlen bei den nächsten Einkäufen. Du denkst immer nur an dich.“ Nach einer Woche kommt der Mann nach Hause und sieht, wie seine Frau ihre gepackten Koffer in ein Taxi laden lässt. „Ich verlasse dich“, ruft sie ihm zu. „Nach nur sieben Tagen?“, sagt der Mann, und murmelt: „Der Kurs hat schneller funktioniert, als ich dachte.“
Diese Geschichte sorgt für Lacher, wenn ich sie meinen Yogaschülern erzähle. Für mich ist sie mehr. Sinnbildlich könnte man nämlich die Ehefrau in der Geschichte als Projektion eines inneren Konflikts mit dem Protagonisten verstehen. Man sagt: „There’s no enemy outside of you“, es gibt keinen Feind außerhalb deiner selbst. Oder: „When there is no enemy within, the enemies outside cannot hurt you”, kein Feind im Inneren und niemand kann dich verletzen. So gesehen hätte er durch das Mantra-Rezitieren und Meditieren auf unerwartete Weise einen inneren Konflikt gelöst. Das Ergebnis: Moksha, die Befreiung. Denn Swami sagt auch: Ist deine Freude von äußeren Umständen abhängig, dann ist sie kein wahre Freude.
Wissen wir, ob der Mann die Trennung von seiner Frau im Kopf hatte, als er Glück erfahren wollten? Kann es sein, dass er erst, als sie die Tatsachen schuf, er eine Befreiung verspürte, einen Frieden in sich?
Dazu mein persönlicher Blickwinkel: Beim Informationsabend zu meiner zweijährigen Yogalehrerausbildung fragte uns unser Ausbildungs-„Papa“ Jayadev, warum wir uns für diesen Werdegang interessierten. „Ich sehne mich nach Spiritualität!“, hörte ich mich da sagen. Be careful what you wish for, sei achtsam mit deinen Wünschen. Denn ich bekam das Gewünschte – nur auf völlig anderem Wege als gedacht: Krisen, Ängste, Ich-Auflösung, die dunkle Nacht der Seele, Ganzkörper-Verwirrung. Danach: Ein tiefes Verständnis von der Welt und dem, was sie von mir will und von meinem Platz in ihr. Wahre Freude und einen tiefen Frieden im Wissen, dass das alles hier nicht echt ist und am wenigsten ich selbst. Diese Befreiung hätte ich nie erwartet.
Lustige Weisheiten vom Swami
An Christi Himmelfahrt kam erneut der hinduistische Mönch Swami Tattvarupananda aus dem indischen Kerala zu Besuch in unser Yogacenter. Er ist bekannt für seine lebensnahen Vorträge, in denen er Weisheit mit Humor verpaart – frei nach dem Sprichwort: „Wenn der Mund vom Lachen offensteht, lässt sich leichter die Pille der Wahrheit einwerfen“. Beim Tagesretreat, aber auch in privat mit ihm verbrachten Stunden, in denen wir ihn mit unseren Anliegen löchern durften, machte er seinem Namen alle Ehre, denn Tattvarupananda bedeutet „die Form der Wahrheit“. Stellst du ihm eine Frage, so bekommst du zunächst einmal eine Geschichte oder Parabel zu hören, die dir helfen kann, dein Thema klarer zu sehen. Ich habe seine Geschichten für meinen Blog niedergeschrieben und mit persönlichen Gedanken versehen.