Tischtennis beginnt jetzt

„Tischtennis beginnt jetzt. Tischtennis ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedankenwellen im Geist“. Mit diesen salbungsvollen Worten eröffnet der Bundesliga-Tischtennislehrer die Partie an der Tischtennisplatte.

Die Teilnehmerinnen unseres Gedankenspiels sind nach der Partie überhaupt nicht ruhig. Denn beim Tischtennis geht es um etwas anderes: Besser zu sein als das Gegenüber, schneller und cleverer. Dies in einem arbiträren Punktesystem reflektiert zu sehen und, wenn ihnen der Tischtennisgott hold ist, gegebenenfalls stolz zu sein auf ihre Leistung, die sie vielleicht dem Staat widmen werden, mit dem sie sich qua Geburt identifizieren.

Warum Yoga kein Sport ist

„Und, machst du noch anderen Sport – neben dem Yoga?“ Die Frage einer Frau aus meiner Reisegruppe überrumpelt mich. Zwei Sätze, die der Idee vom Üben von Asanas als Sport widersprechen, kommen mir direkt in den Kopf.

„Wir nutzen nicht den Körper, um in die Asana zu kommen. Wir nutzen die Asana, um in den Körper zu kommen.“

Und:

„Wichtig ist beim Yoga nicht, ob du in der Stehenden Vorbeuge mit den Händen bis zum Boden kommst. Wichtig ist allein, was auf dem Weg dorthin mit dir passiert.“

Meine Schüler hören diese Sätze öfter.

Zurück von meiner Reise fallen mir weitere Betrachtungswinkel ein:

Das Wort „Sport“ ist eine Verkürzung des altfranzösischen „desport“, Zerstreuung, sich die Seele vertreiben, weg vom Ernst, oder auch des mittelenglischen „disport“, für Vergnügen („doing something for sport“).

Wir Yogis aber suchen keine Zerstreuung in unserer Asana-Praxis. Im Gegenteil: Auf der Matte sammeln wir uns. Die Gedanken: willentlich konzentriert (abhyasa). Der Geist dadurch: einpünktig (ekagrata) und gleichmütig (sama-citta; citta = Geist, Bewusstseinsfeld, sama = ausgeglichen).

In der Bhagavad Gita heißt es dazu auch: „Samatvam yoga ucyate“, Gleichmut wird Yoga genannt.

Wie steht es um den Wettkampfgedanken?

Wir wollen mit unserer Asana-Praxis frei werden vom Angriff der Gegensatzpaare wie z. B. Anstrengung – Entspannung, Bewegung – Ruhe, Wollen – Loslassen. Kein höher, schneller, weiter…

Wie steht es um den Fitnessgedanken?

Wir wollen erkennen, dass wir nicht dies, nicht das sind, nicht der Körper, nicht die Gedanken, weder Erfolg noch Scheitern. Befreiung durch Wegnahme und Ent-Identifikation. Neti neti.

Fitnessformat mit langer Tradition?

In der Handreichung für meine anstehende Vinyasa-Theorieprüfung finden sich folgende prüfungsrelevanten Fragen und Antworten:

  1. „Worin besteht die Absicht im Yoga?

    Körper und Atem dienen dazu, den Geist zu beruhigen, damit korrektes und ungetrübtes Erkennen möglich wird. Identifikationen lockern sich dadurch zunehmend. Dies vermindert inneres und äußeres Leid. Innerer Frieden wird möglich.

  1. Was steht dazu in der Hatha Yoga Pradipika von Swatmarama? 
    Sinn der Yogapraxis ist der Schutz vor den Leiden (Tapas), die von anderen, von der Natur und von einem selbst verursacht werden. (HYP I.10).
  1. Was steht dazu in den Yogasutren von Patanjali?
    Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedankenwellen im Geist. Yogas chitta vritti nirodhah. (YS I.2)“

Die Yoga-Asanas sind für viele Yogainteressierte die sichtbare Spitze des Eisberges. Sie lassen sich in unterschiedliche Kontexte betten. Bei Patanjali bilden sie eine Wegplatte auf dem achtfachen Pfad des Yogis (dort eher für die Sitzstabilität in der Meditation gedacht). Swatmarama integriert sie in der Hatha Yoga Pradikipa als Teil eines Energiesystems, wobei der Körper als Transformationsfeld genutzt wird. Shivananda macht in seinen fünf Säulen des Yoga die Gleichung auf: gesunder Körper = Basis für spirituelle Entwicklung.

Ja, unsere modern-westliche Asanapraxis hat Elemente skandinavischer Bewegungslehren und der deutschen Leibesübungen abgegriffen und teils reintegriert (Stichwort Vinyasa). 60 Minuten Asanas ohne Atemübungen, Mantra oder Tiefenentspannung mögen daher von der Turnmatte eines Sportstudios aus wie ein Fitnessformat mit langer Tradition anmuten. Yoga ist es nicht.

Und wer weiß, vielleicht ist unsere Tischtennisspielerin auch Yogini und wird sich bei der abschließenden Pressekonferenz über die Mikrofone beugen: „Ja, ich habe mehr Punkte gemacht, ich freue mich darüber durchaus, aber auch das ist nur temporär und so wollen wir nicht anhaften und uns wieder unserer wahren Wesensnatur erinnern. Om shanti.“ Yoga beginnt jetzt. (Yogasutren I.1)

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