Guru Chatgpt

Na, du liebe Seele!

…Hier bist du richtig, wenn…

…Sehnst du dich nach…

…Komm mit allem, was du bist…

…Erschaffe Raum…

…Gehe in Verbindung mit dir…

…und nimm auf dem Weg dorthin bitte noch deine wildgewordene Horde von Emojis mit!

Warum, oh Welt des Yoga, welches du der Wortwurzel nach „Joch“, also „Anschirrung“ (ans Universum, an die Einheit) bedeutest, hast du dich jetzt der seelenlosen Maschine selbst vor den Karren gespannt?

Meine lieben Kollegen, ihr alle praktiziert einen Lebensstil und eine Lebensphilosophie, die euch in den Schöpfermodus katapultieren müsste. Ja, euch müsste die Brahma-beglückte Kreativität aus euren schulterbrückengestählten Allerwertesten scheinen, ihr müsstet beim Texten fehlertolerant sein bis in den Kausalkörper, selbstbejahend noch bei jedem Rechtschreibfehler und bei jeder grammatischen Unsicherheit, mutig wie Arjuna in den Kampf um die lexikalische Deutungshoheit ziehend. Doch ihr alle seid, so scheint’s, dem K.-I.-Bann unterlegen. Ein aufmerksamer Gang durch unser centereigenes Flyer-Regal bestätigt es.

Da entblödet ihr euch nicht, euch unter Zuhilfenahme nachgeplapperter Sprachmuster der Large Language Models ein Retreat zum Thema „Individueller Selbstausdruck“ vergolden zu lassen.

Ihr sprecht von Authentizität im Sprachduktus des Wiedergekäuten, von Selbstermächtigung, die ihr zugleich in Ketten legt.

Sobald es um den Mammon geht, schleicht sich offenkundig die Angst in euer Herz-Chakra und ihr verschleudert eure vielgepriesene Authentizität und Integrität auf dem Basar der Eitelkeiten. Zehn Flyer, keine Unterschiede.

Zu verlockend etwa die Bedeutungsspannung, die antithetische Parallelismen wie „Nicht Perfektion, sondern Präsenz“ oder „Nicht Kontrolle, sondern Hingabe“ erzeugen?

Zu vollmundig die chatgpt-typischen Dreiklang-Versprechen von „Atem, Bewegung, Bewusstsein“, „Klarheit, Ruhe und Fokus“, um sie nicht in Flyer, Webseite und Insta-Beitrag einzulösen? Om, om, om? Trimurti avatara?

Zu rhetorisch elegant wirkend die Balanced-Writing-Symmetrie von: „kraftvoll und zugleich sanft“, von „Empathie und Selbstannahme“?

Wo sind die schiefen Bilder, die mich wachrütteln? Wo sind die Ellipsen und die nur halb gedachten Argumente, die mir Raum zum Nachdenken und Etwas-Eigenes-in-den-Text-Hineinatmen schenken? Wo die spannenden Stilwechsel und die Tempobrüche, die nicht am aalglatten Algorithmus abperlen? Wo bleibt die Charakterstärke eines unkorrigierten Rechtschreibfelers?

Wo sind wir hingekommen? Menschen entfernen inzwischen bewusst Stilmerkmale oder bauen Fehler ein, um ChatGPT zu nutzen ohne „nach ChatGPT“ zu klingen, heißt es im Artikel „Authentizität ist kein Tippfehler“ (Kommunikationsmagazin KOM): „Ich baue absichtlich ein, zwei Tippfehler ein“, „Ich nehme immer die Gedankenstriche raus“.

„Künstliche“ Intelligenz?

Ihr tilgt mehr als nur Gedankenstriche, ihr tilgt eure eigenen Gedanken. Da gibt’s kein Vertun. Und eure Schüler? Die wittern den erweiterten Selbstbetrug 108 Meilen gegen den Wind. Sie sind auf der Suche nach ihrer eigenen Göttlichkeit, ihr kredenzt ihnen mit Vorsatz verschleiertes Algorithmus-Erbrochenes und streut Glitzer drauf. Das ist keine Selbstverwirklichung, das ist in Bleilettern gegossenes Avidya, asmita, raga, asatya: Ignoranz, Ichbezogenheit, Anhaftung und verzerrte Wahrheit. Jedenfalls Sinnbild von so ziemlich allem, dem ihr auf dem spirituellen Pfad abgeschworen hattet.

Wer soll euch bitte als spirituellen Wegbegleitern Vertrauen schenken, wenn ihr so wohlfeil, ehrerbietig und ohne Not euer eigenes Selbstvertrauen der K. I. in den Rachen schmeißt? Eure Retreats wollen das pralle Leben sein: satt, verbunden, transformierend. Doch eure Einladungen dazu klingen allenfalls wie einfallslos-leichtverdauliche LinkedIn-Beiträge mit Spiritualitäts-Gekasper und Energieausgleich. Eure glattpolierten Insta-Slides rutschen per Datenexpress in einen seelenlosen Abgrund. Raja Yoga, die Beherrschung des Geistes, hat den Chat verlassen.

Nein, es bleibt dabei: Wenn es künstlich ist, ist es nicht intelligent – und umgekehrt. Und was ihr da in euren Handzetteln veranstaltet, das klingt einfach dumm.

Aber entspannen wir uns mal, liebe Kollegen! Ausatmen, Schultern sinken lassen, einmal Shavasana für alle. Und dann hirnt euch bitte endlich wieder selbst etwas aus!

Ein Boykott-Aufruf also? Ja, warum nicht. Fordert mal wieder eure Neuroplastizität heraus, von der ihr doch so gerne sprecht, spannt euch selbst vor das leere Blatt, vertraut dem Wagenlenker – und dann zieht in die Schlacht. Weckt mich auf, wenn’s was Neues gibt. Fühlt sich das für dich stimmig an?

PS: Disclaimer: Die Artikelzitate sind Ergebnis einer K.-I.-Recherche. Alles andere entstammt meinen Gehirnwindungen.

PPS: Diese Glosse befindet sich mit ihrer beabsichtigten Scharfzüngigkeit im Spannungsfeld zwischen meinem Anspruch an Gewaltlosigkeit (ahimsa) und der Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit (satya). Nehmt dieses Eingeständnis gerne als Hinweis darauf, sie nicht allzu ernst zu nehmen. Zwinkersmiley.

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