Buddha und Ananda

Buddha und sein Schüler Ananda gehen zusammen im Wald spazieren. Da bekommt Buddha Durst und bittet Ananda hinunter zum Fluss zu laufen, um ihm daraus Wasser zu schöpfen. Ananda zieht mit seiner Schale los, doch gerade als er das Ufer erblickt, trampelt eine Kuhherde durch den Fluss. Die Kühe wirbeln das Wasser auf und hinterlassen es schmutzig, braun und trüb.

„Oh nein“, ruft Ananda und springt beherzt in das Wasser, um es zu reinigen. Er geht umher und springt auf und ab und tut sein Bestes, um das dreckige Wasser für seinen Lehrer zu säubern. Eine Stunde vergeht. Zwei Stunden vergehen. Da kommt Buddha durstig hinabgelaufen, setzt sich ans Ufer und beobachtet das seltsame Schauspiel. „Was tust du da, Ananda?“, fragt er. „Ich mache das Wasser sauber, Buddha. Eine Kuhherde durchkreuzte den Fluss und hat es verunreinigt.“

„Ananda“, sagt Buddha und legt eine Hand neben sich auf die Erde, „setz dich zu mir. Wir wollen fünf bis zehn Minuten warten und in den Fluss schauen.“ „Und dann?“ „Dann wird das Wasser allmählich klar werden und wir werden von ihm trinken können.“ Und so kam es.

Früher sprang ich mit Anlauf und Verbissenheit in jeden trüben Fluss. Heute darf ich erleben, wie sehr reines Mit-sich-Sitzen eine Situation klären kann. Ärger, Missmut, Gefühle der Benachteiligung, Wut bis hin zu Rage entflammen manchmal meinen ganzen Körper. Ja, das tun sie auch nach Tausenden von Stunden in Meditation. Seltener, kürzer und weniger intensiv als zuvor, aber sie sind da.

Sitze ich mit mir in Beobachtung meiner vorbeifließenden Gedanken, wechselt irgendwann die Perspektive: Wie bald all das keine Rolle mehr spielen wird. Wie dankbar ich sein kann, laufen und atmen zu können. Ich kann mir von oben zuschauen, vom Zeitpunkt meiner Heimkehr, wie ich Teil dieses Spiels bin, das ich mir ausgesucht habe. Betrachte auch meine Impulse, die zum Gegenschlag ausholen wollen.

Manchmal sitze ich so viermal, fünfmal mit meinem aufgewühlten Gemüt, sehe meine nervös an mir hochspringenden Gedanken, belächle sie manchmal ein wenig (Ernsthaft? Du schon wieder? Immer noch?). Irgendwann kann ich den Leidverursacher betrachten mit seiner Geschichte. Sein Wutschnauben ging meinem voraus. Ich sehe sein Ich in mir. Conditio humana. Wie der indische Jesuit und Weisheitslehrer Anthony de Mello so herrlich lakonisch schreibt: „I am an ass. You’re an ass. Get over it.“ Meine eigenen Reflexe und Unzulänglichkeiten betrachtend… und dank der Vergänglichkeit der Zeit… verblasst der Ärger irgendwann und verschwindet. Worüber habe ich mich noch mal letzte Woche aufgeregt?

Dies zu können ist ein Riesengeschenk. Nicht nur bleibe ich die meiste Zeit des Tages grundentspannt und gelassen. Heute lerne ich zudem am meisten von den Menschen, gegen die ich mich früher aufgrund von Widerständen versperrt hatte. Heute sind sie mir alle willkommen mit ihren Projektionen auf die Welt und auf mich. Dann sage ich mir: Wieder jemand, den ich in mir finden konnte. Wieder jemand mehr, der Teil von Ich sein darf. Lass uns eine Weile am Ufer sitzen und aufs Wasser schauen.

Lustige Weisheiten vom Swami

An Christi Himmelfahrt kam erneut der hinduistische Mönch Swami Tattvarupananda aus dem indischen Kerala zu Besuch in unser Yogacenter. Er ist bekannt für seine lebensnahen Vorträge, in denen er Weisheit mit Humor verpaart – frei nach dem Sprichwort: „Wenn der Mund vom Lachen offensteht, lässt sich leichter die Pille der Wahrheit einwerfen“. Beim Tagesretreat, aber auch in privat mit ihm verbrachten Stunden, in denen wir ihn mit unseren Anliegen löchern durften, machte er seinem Namen alle Ehre, denn Tattvarupananda bedeutet „die Form der Wahrheit“. Stellst du ihm eine Frage, so bekommst du zunächst einmal eine Geschichte oder Parabel zu hören, die dir helfen kann, dein Thema klarer zu sehen. Ich habe seine Geschichten für meinen Blog niedergeschrieben und mit persönlichen Gedanken versehen.

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